Pro Urheberrecht
Ein kulturelles Mittelalter droht

Vor dem Hintergrund der, nennen wir sie mal, urheberrechtlichen Ereignisse der letzten Wochen, die mit den Stichwörtern Dr. Kimble, MegaUpload, SOPA, PIPA und ACTA ganz gut umschrieben sind, schiebt sich wieder einmal eine Welle der lauten Worte durch das Internet wie zum Beispiel: „Wir befinden uns im Mittelalter! Der Innovationsprozess der Kreativen wird unterbunden! Grundrechte gehen verloren! Urheberrechtsverletzungen jetzt strafbar! Urheberrecht abschaffen – freie Nutzung für alle!“

Nina Diercks hat Argumente für das Urheberrecht im Netz

Davon einmal abgesehen, dass viele der laut posaunten „Fakten“ schlicht falsch sind (so sind Urheberrechtsverletzungen in Deutschland seit Jahrzehnten nach dem Gesetz strafbar…) und auch nicht dadurch richtiger werden, dass sie viral immer weiter verbreitet werden, stellt sich die Frage, ob eine Abschaffung des Urheberrechts denn tatsächlich die Lösung aller Probleme darstellen würde.

Was genau ist das Urheberrecht?

Das Urheberrecht schützt schlicht geistige Leistungen, man nennt es auch das Recht am geistigen Eigentum. Es sorgt dafür, dass der Kreative selbst bestimmen darf, ob er sein Werk frei (zum Beispiel für Open Source), unter einer CC-Lizenz, nur gegen den kommerziellen Erwerb einer Lizenz oder auch gar nicht Dritten zur Verfügung stellt. Ohne Urheberrecht gäbe es also kein Bestimmungsrecht des Einzelnen über seine kreativen Leistungen. Wie im Mittelalter.

Den Schutz geistiger Leistungen gab es nämlich nicht. Und damit auch keine Chance, die Schaffung von Werken wie Büchern, Musik oder Theater zu einem Broterwerb werden zu lassen (außer in der risikoreichen Position des Hofnarren…). Also, auch wenn es so manchem der digitalen Bohéme nun in den Ohren klingelt, es waren die Kreativen, die lange Zeit dafür kämpften, ein Recht am geistigen Eigentum zu erhalten und einziger Bestimmer über ihr Werk sein zu dürfen. Aufgrund dessen gab es dann irgendwann dieses nun so verfluchte Urheberrecht.
Die andere Sichtweise

1LIVE-Onliner Dennis Horn ist für ein neues Urheberrecht – und zwar sofort

Halten wir uns vor Augen, dass das Urheberrecht eben ein „Bestimmerrecht“ ist, wird schnell klar, dass das Urheberrecht weder dem Gedanken des Open Source noch der CC-Lizenzen widerspricht. CC-Lizenzen sind schließlich nichts anderes als standardisierte Lizenzverträge, die der Urheber dem Nutzer anbietet. Das Wichtige ist jedoch, dass der Urheber entscheiden kann, ob er sein Werk und wenn ja, unter welchen Umständen, zur Nutzung frei gibt. Inwieweit aufgrund dieses „Bestimmerrechts“ ein Innovationsprozess untergraben werden soll, ist mir vor dem Hintergrund des gerade Gesagten überhaupt nicht eingängig – ganz im Gegenteil.

„Die machen doch ohnehin schon genug Geld“

Ein anderes – leider stark mit dem Urheberrecht vermengtes – Problem, ist die Frage, ob die über Jahre gewachsenen Mechanismen der „Verwertungsindustrien“, wie den großen Musik- und Buchverlagen, heute noch ihre Berechtigung haben. Diesen kann zu Recht vorgeworfen werden, dass sie eine gut funktionierende digitale Monetisierung verschlafen haben. Erst relativ spät entwickelten sich Formate wie iTunes oder der Amazon-MP3 Shop und für Videos kommen erst jetzt ganz langsam Portale wie lovefilm.de oder videoload.de auf. All die Weil verteidigen die Major Labels ihr bisheriges Erlösmodell, Verträge mit Künstlern abzuschließen und deren Werke gegen Entgelt in der Regel auf Datenträgern wie CDs zu vermarkten. Per se böse ist das nicht. Schließlich wurden die Rechte für teures Geld gekauft – von einem Urheber.

Wer dennoch meint, er „dürfe“ sich grundsätzlich die neueste CD von Madonna oder das neues Buch von Rebecca Gablé illegal runterladen, weil die und das Label bzw. der Verlag „ohnehin schon genug Geld gemacht“ haben, sollte sich vor Augen führen, dass mit den wenigen großen Stars und deren Geldern sowohl im Musik- als auch im Buchverlag, „kleine“ unbekannte Gruppen und Autoren gefördert und finanziert werden. Und noch etwas: Auch die Verlage müssen Lektoren, Produzenten und Assistenten entlassen, wenn Umsätze aufgrund von illegalem Downloads wegbrechen.
Die Autorin

Nina Diercks arbeitet als Rechtsanwältin in Hamburg und ist Macherin des Social-Media-Recht-Blogs, in dem sie auch immer wieder ausführlich zum Urheberrecht bloggt.

Dem in diesem Zusammenhang gern aufgeführten Argument, die Majors würden in Wahrheit all die Künstler knebeln und Newcomer sowieso nicht fördert, halte ich entgegen, dass sich genau diese Art von Problemen mit dem Internet meiner Meinung nach bald von selber auflösen werden. Schließlich treibt das Internet die Emanzipation der Künstler voran, auf ein Label oder einen Verlag sind sie – jedenfalls hinsichtlich des Vertriebs – immer weniger angewiesen. Doch wo bliebe dann der einzelne Künstler ohne Urheber-, ohne sein „Bestimmerrecht“? Im kulturellen Mittelalter, in das die falsch verstandene Freiheit im Internet führen würde, wie es Clemens Wergin kürzlich so schön in der „Welt“ formulierte. Und das will doch auch kein Mensch, oder?

 

Hier gehts zum Original Thread

 

Quelle: einslive.de

 

 

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